Ich war lange ziemlich gut darin, Dinge auf später zu verschieben. Das war schon in der Schule so und hat sich später auf andere Bereiche meines Lebens übertragen. Dabei ging es nicht nur um Aufgaben, auf die ich keine Lust hatte. Es ging um Entscheidungen, Wünsche und Ideen, die mir wirklich etwas bedeuteten.

Mein Standardsatz lautete: Irgendwann mache ich das schon. Er klang offen und hoffnungsvoll. In Wahrheit musste ich mich dadurch weder festlegen noch riskieren, dass etwas nicht funktioniert. Irgendwann hat mich genau das mehr gestört als die Möglichkeit zu scheitern.

Für mich gehört diese Erkenntnis heute zur Themenwelt Mindset. Nicht, weil man sich nur positiv genug stimmen müsste. Sondern weil es einen Unterschied macht, wie man Angst deutet: als endgültiges Stoppschild oder als Hinweis, genauer hinzusehen.

Aufschieben kann sich vernünftig anhören

Aufschieben trägt selten ein Schild mit der Aufschrift „Ich habe Angst“. Es klingt eher so:

  • Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt.
  • Erst muss ich noch besser vorbereitet sein.
  • Vielleicht ist die Idee doch nicht so wichtig.
  • Wenn ich sicherer bin, fange ich an.

Jeder einzelne Satz kann stimmen. Manchmal fehlen tatsächlich Zeit, Geld, Kraft oder Wissen. Auffällig wird es für mich dort, wo sich die Begründung ständig verändert, das Ergebnis aber gleich bleibt: Ich komme meinem Wunsch keinen Schritt näher.

Solche Schutzbewegungen können zu Selbstsabotage werden. Nicht jede Verzögerung ist Selbstsabotage. Aber wenn ich immer neue Voraussetzungen erfinde, um nie anfangen zu müssen, lohnt sich ein ehrlicher Blick auf das Muster.

Die Angst vor dem Scheitern hat gute Argumente

Angst vor dem Scheitern ist nicht lächerlich. Sie will verhindern, dass wir Geld verlieren, uns blamieren, jemanden enttäuschen oder eine sichere Möglichkeit gegen etwas Vages eintauschen. Das sind keine erfundenen Risiken.

Lange dachte ich, ich müsste entweder vernünftig sein oder meinem Gefühl folgen. Heute sehe ich mehr Raum dazwischen. Ich kann ein Risiko ernst nehmen und trotzdem prüfen, ob ein kleiner Versuch möglich ist. Ich muss nicht sofort kündigen, um einer beruflichen Idee nachzugehen. Ich muss nicht mein ganzes Leben umstellen, um herauszufinden, ob mir eine neue Richtung entspricht.

Auch äußere Umstände sind real. Ein fordernder Job, eine Beziehung, finanzielle Verpflichtungen oder wenig Energie beeinflussen, was gerade möglich ist. Aber sie beantworten nicht automatisch die Frage, ob ich gar nichts tun kann. Für meinen nächsten überschaubaren Schritt trage ich meistens mehr Verantwortung, als ich mir früher eingestehen wollte.

Kleine Schritte waren für mich ehrlicher als große Versprechen

Ich bin nicht plötzlich zu einem vollkommen risikofreudigen Menschen geworden. Es ging in kleinen Schritten voran. Rückblickend war das hilfreicher als ein großer Vorsatz, von nun an immer mutig zu sein.

Ein kleiner Schritt kann ein Gespräch sein, eine Nachricht, ein freier Nachmittag für einen ersten Versuch oder eine konkrete Recherche. Er liefert etwas, das Nachdenken allein nicht geben kann: Erfahrung. Danach weiß ich mehr über die Idee, aber auch über mich selbst.

Das hat meinen Blick auf Mut verändert. Mut zeigt sich für mich nicht erst in der spektakulären Entscheidung. Manchmal besteht er darin, einer Sache eine Stunde zu geben, statt sie ein weiteres Jahr nur im Kopf zu bewegen.

Nicht jeder Versuch muss gelingen

Die ehrliche Kehrseite lautet: Eine Idee kann scheitern. Ein Vorhaben kann anstrengender sein als gedacht. Manchmal stellt sich sogar heraus, dass der lang gehegte Wunsch in der Realität gar nicht zu mir passt.

Dann war der Versuch trotzdem nicht automatisch wertlos. Er hat eine offene Frage beantwortet. Das ist etwas anderes, als sich jedes Ergebnis schönzureden. Scheitern kann wehtun, Geld kosten oder Selbstzweifel auslösen. Es braucht Zeit, einen Rückschlag einzuordnen. Wie das konkret gelingen kann, beschreibe ich im Ratgeber mit Niederlagen umgehen.

Ich scheitere lieber, als mich nie getraut zu haben.

Ein Satz, an den ich mich selbst immer wieder erinnern muss.

Der Satz bedeutet für mich nicht, jedes Risiko zu ignorieren. Er erinnert mich daran, dass Nichtentscheiden ebenfalls eine Entscheidung ist. Auch ein nie unternommener Versuch hat einen Preis: Die Frage, was möglich gewesen wäre, bleibt offen.

Was ich heute anders mache

Wenn ich merke, dass ein Wunsch immer wieder auftaucht, versuche ich nicht mehr sofort, die perfekte Lösung zu finden. Stattdessen gehe ich diese vier Fragen durch:

  1. Was will ich eigentlich ausprobieren? Nicht: Was müsste daraus werden? Sondern: Welche Erfahrung möchte ich machen?
  2. Was ist der kleinste ehrliche Versuch? Er muss groß genug sein, um mir etwas zu zeigen, aber klein genug, um realistisch zu bleiben.
  3. Welches Risiko besteht wirklich? Ich schreibe es lieber konkret auf, statt nur ein diffuses ungutes Gefühl mit mir herumzutragen.
  4. Wann werte ich den Versuch aus? Erst handeln, dann anhand der Erfahrung entscheiden. Nicht während jedes unsicheren Moments alles infrage stellen.

Ich warte noch immer manchmal zu lange. Ich finde noch immer überzeugende Gründe, etwas auf morgen zu verschieben. Der Unterschied ist, dass ich diese Gründe heute eher prüfe. Schützen sie mich vor einem echten Risiko oder nur vor dem unangenehmen Gefühl, Anfängerin zu sein?

Nicht jeder Herzenswunsch muss verwirklicht werden. Aber die Wünsche, die über Jahre wiederkehren, verdienen mehr als ein unbestimmtes „irgendwann“. Vielleicht noch keine große Entscheidung. Doch wenigstens einen ehrlichen Versuch.